Historische Theologie

Paul Bernhard Rothen: Das Basler Münster

Paul Bernhard Rothen: Das Basler Münster. Tausend Jahre mit Christus, Neuendettelsau: Freimund, 2019, Br., 268 S., 47 Abb., € 12,90, ISBN 978-3-946083-38-2


Ein Pfarrer schreibt ein Buch über seine Kirche, also das Kirchengebäude, in dem sich seine Gemeinde versammelt. Diese Art literarischer Tätigkeit gibt es oft, sie bräuchte in den meisten Fällen nicht durch eine Rezension einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.

Nun ist der Pfarrer aber der konservative schweizerische Theologe Paul Bernhardt Rothen, und er hat achtzehn Jahre lang seinen Dienst am Basler Münster getan. So dürfte das Buch nicht nur wegen des beeindruckenden Kirchbaus für breite Kreise von Interesse sein!

Unter verschiedenen Leitworten führt Rothen auf zweihundert Textseiten in die tausendjährige Geschichte des monumentalen Baus ein. Er entschlüsselt Symbole, Bilder und Skulpturen und schildert, wie sich darin Glaube und Frömmigkeit der Jahrhunderte sowie die Selbstdarstellung der regierenden Basler Großbürger spiegeln.

Im ersten Kapitel des Buchs führt Rothen den Leser in das Selbstverständnis der Bauleute ein, die das unter kräftiger Mitwirkung von Kaiser Heinrich II. und seiner Frau Kunigunde fertiggestellte und geweihte Münster errichtet haben (5–17). „Zurück zu den Quellen“ heißt bei diesem Bauwerk: Zurück zur Bibel (12f).

Im zweiten Kapitel widmet sich der Autor der mit zahlreichen Skulpturen geschmückten Westfassade, die dem Besucher vom Münsterplatz aus als erstes auffällt (19–42). Maria und Kind, Kaiser und Kaiserin, die heiligen drei Könige, der Fürst dieser Welt und eine verführte Jungfrau sind hier ebenso zu sehen wie die wichtigen Heiligen Georg und Martin von Tours. Blickfang auf Augenhöhe ist das mit Engeln, Königen, Propheten und Pflanzenmotiven reich ausgestattete Hauptportal. Leider wurde eine theologisch zentrale Kreuzigungsszene entfernt (33f).

Der kreuzförmig ausgerichtete Innenraum beeindruckt durch seine schiere Größe, weist auf die alttestamentliche Distanz zwischen Priestertum und Laien, inszeniert seit der Reformationszeit die weltliche Ratsherrschaft und bietet Platz für die zur Kanzel und zum Abendmahlstisch hin versammelte Gemeinde (Kap. 3, 43–62). Säulenkapitelle erzählen von den großen Fragen des Lebens und Glaubens, die die Menschheit bewegen (Kap. 4, 63–90, Paradieserzählung, Abraham, germanische Sagengestalten, Figuren griechischer Dichtung).

Ein besonderer und alter Schmuck des Innenraums ist die romanische Baumeistertafel, auf denen die Baumeister als „lebendige Steine der himmlischen Hallen“ bezeichnet werden (95). Dazu kommt der gotische Taufstein mit drei Apostelfiguren und mit Darstellungen der Heiligen Laurentius und Martin (Kap. 5, 91–115).

Die filigran aus Buntsandstein gearbeitete spätgotische Kanzel wurde bis 1486 vollendet; sie verwirklicht ein theologisches Bildprogramm, das der Theologe Johannes Heynlin vorgegeben hat (119f). Eine romanischen Aposteltafel zeigt sechs Apostel, die als Lehrende im Dialog mit einander stehen (128f; Kap. 6: 117–134). Das siebente Kapitel stellt den Inhalt der beiden Gedenktafeln des spanischen Märtyrers Vinzentius und des Humanisten Erasmus von Rotterdam einander gegenüber (Kap. 7, 135–166).

Unter dem Titel „Das Ende der Einheit: Judensau, Grabtafeln und Glasfenster“ (Kap. 8, 167–206) behandelt Rothen schließlich verschiedene Gegenstände wie das Chorgestühl, in dem unter anderem auf einer Misericordie (Sitzstütze) eine „Judensau“ abgebildet ist. (170–180). Grabtafeln im Basler Münster erinnern daran, dass die Grundlage für den heutigen Reichtum der Stadt von Generationen regierender einflussreicher Großfamilien gelegt wurde. Zu Schluss erläutert Rothen in diesem Kapitel die Glasfenster (185–206).

Kunstgeschichtlicher Höhepunkt des Münsters ist die Nordfassade des Querschiffes mit dem Glücksrad, das den Lauf der Zeit symbolisiert, und besonders mit der Galluspforte, dem „bedeutendste[n] romanische[n] Skulpturenwerk nördlich der Alpen“ (215, Kap. 9: 207–237). Selbst für heutige Betrachter ist die Darstellung des Weltgerichtsthemas (überwiegend nach Matthäus 25) beeindruckend – oder rüttelt sie vielleicht sogar geistlich auf.

Das kurze zehnte Kapitel weist auf den im 10. Jahrhundert durch Ungarn ermordeten Bischof Rudolf hin, dessen Leichnam in einem Sarkophag in der Krypta beigesetzt wurde (Kap. 10, 239–244). In einer abschließenden Betrachtung (245–253) stellt Rothen Überlegungen über das Wirken des Heiligen Geistes im Lauf der Kirchengeschichte an und stellt noch einmal heraus, wie das Basler Münster „überreichen Stoff zum Nachdenken und damit frische Substanz für den Glauben“ bietet (252).

„Das Basler Münster“ eignet sich nicht nur als Führer zu Themen der Kunst- und Glaubensgeschichte, die man an einem bedeutenden mittelalterlichen Bauwerk ablesen kann. Wesentlich interessanter sind im Empfinden des Rezensenten Dialoge zwischen den vergangenen Jahrhunderten und der Gegenwart, die der Verfasser meisterhaft an verschiedenen Stellen einzuflechten weiß: über die „Offenheit“ von Kirchengebäuden und die Erwartungen der Touristen, die sie besuchen (60f), zum Verständnis der Sünde und dem Freiheitsversprechen der Neuzeit (69f), über mittelalterliche Bußpredigt und die Umkehrpredigt der Medienschaffenden der Gegenwart (127f), zur Verehrung bedeutender Persönlichkeiten, die das eigene Prestige steigert (153), über einen Humanismus mit oder ohne Christus, der auf eine Grundspannung abendländischer Kultur verweist (158f, 166). So lohnt sich die Lektüre von Rothens Deutung der Geschichte, weil sie auch einen Beitrag zu einem besseren Selbstverständnis leistet.


Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-Höllstein